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Epilog

Ich werde immer wieder gefragt, wie denn ist, wieder zu Hause zu sein. Ist jetzt alles anders geworden?

Die Antwort ist nein. Nichts ist anders geworden. Ich bin der Gleiche geblieben, erfreue mich und die anderen mit meinen positiven Charaktereigenschaften, gehe mir und den anderen mit meinen Schwächen auf die Nerven. Manchmal klappen Dinge toll, manchmal funktioniert gar nichts. Manche Begegnung mit den Mitmenschen ist bereichernd, manche belastend. Ich muss im Alltag aufpassen, dass ich die wertvolle Lebenszeit nicht mit lauter Kleinkram verbringe, muss Steuererklärung machen, zur Zulassungsstelle und zum Einkaufen gehen, muss schauen, dass genug Geld auf dem Konto ist. Es ist das übliche Auf und Ab des Tages, der Woche, des Monats.

Die Antwort ist ja. Alles ist anders geworden, denn unser Blick auf die Welt ist weiter, tiefer und kontrastreicher geworden. Wir haben ihre Weite kennengelernt und erfahren, dass sie bunt und aufregend, unermesslich groß und wild ist und dass sie direkt vor der Haustür beginnt. Wir haben gemerkt, wie wenig unsere Vorstellungen und Meinungen oft mit der Realität zu tun haben, wenn es zum Beispiel in Deutschland bereits großartige Gastfreundschaft gibt. Wir sind unserem Herzen gefolgt, haben die Linie unseres Lebens fortgeschrieben, haben weiche Grenzlinien wie von Ungarn nach Rumänien überschritten und harte wie von Russland in die Ukraine. Wir haben die fröhlichen Tomatenbauern in Armenien getroffen, die nicht wussten, wann sie wieder Geld haben werden und uns gelehrt haben, auf die Zukunft zu vertrauen und einfach den Tag zu genießen. Wir haben in totalitären Regimen freie Geister wie Hamze kennengelernt, die uns gelehrt haben, dass es für ein freies Leben vor allem einen freien Geist braucht. Wir haben in Turkmenistan erlebt, welch unglaubliche Kraft man entwickeln kann, wenn es wirklich darauf ankommt. Wir haben in der kargen Bergen des Pamir gesehen, wie Menschen mit wenigen Mitteln, viel Kreativität und unermüdlichem Einsatz eine Zukunft für ihre Familien aufbauen. Wir sind trotz des Terroranschlags durch Tadschikistan gefahren und haben gespürt, wie es ist, einen Traum trotz Angst zu verwirklichen. Wir sind am Ufer des Aralsees gestanden und uns ist mehr denn je klar geworden, dass unsere Welt etwas anderes braucht als ein ständig wachsendes Arbeitspensum, einen glänzenden Titel auf der Visitenkarte, alle paar Jahre ein Dienstwagenupgrade, jedes Jahr ein neues Handy und tagtäglich einen Berg an Dingen, die uns die Zeit, die Luft und die Menschlichkeit rauben. Für tief empfundenes Glück reicht manchmal ein warmer Ofen und ein Teller Kartoffeln. Wahrscheinlich müssen wir alle uns schon sehr bald mit sehr viel weniger Luxus zufrieden geben, weil uns der Klimawandel dazu zwingt. Vielleicht ist das ja ein großes Glück, eine einmalige Chance?

Die Reise geht weiter. Jetzt, heute, morgen. Wir sind schon mal gespannt…

Daria & Christoph