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009 – Durch die Puszta nach Rumänien

Budapest wirkt rückblickend wie der letzte Außenposten der vertrauten Welt. Diesen zu verlassen erweist sich als recht langwierig, denn schon der Weg von der Budaseite (westliches Donauufer) auf die Pestseite (östliches Donauufer) dauert eine halbe Ewigkeit.

Bei Emese treffen wir unsere Airbnb-Nachfolger Mel und seine Frau, beide Rentner aus Malaysia, die Ungarn und Jugoslawien mit dem Fahrrad bereisen. Sie sind richtig lustig und wir sind humorseitig und in unserer Haltung dem Reisen gegenüber völlig auf einer Linie ;o) So brechen wir erst am späteren Nachmittag auf und wollen nur den Biker-Campingplatz am anderen Donauufer erreichen. Die sieben Kilometer, die Google anzeigt, sollten eigentlich in einer halben Stunde erledigt sein. Doch wie verhext sind immer wieder Straßensperrungen, die Zugänge zu den Brücken sind für unsere Trikes nicht fahrbar und wir müssen den einen und anderen Umweg fahren. Schließlich kommen wir aber an und kochen noch etwas für´s Abendessen.

Mel aus Malaysia

Am nächsten Morgen ratschen wir noch eine Weile mit Wojtek, der mit dem Motorrad unterwegs ist und dann geht es los: jetzt ohne das schon etwas brüchig gewordene Sicherungsseil des Donauradweges erst noch eine Weile durch die Stadt und langsam in das weite offene Land hinter Budapest. Vor einer Rossmann-Filiale (ja, gibt´s auch in Ungarn) steht ein Mann mit einem Bier in der Hand. Nachdem er uns eine Weile etwas schüchtern beobachtet hat, kommt er herüber und wir kommen ins Gespräch, denn er spricht einigermaßen gut Deutsch. Er ist begeistert von unserem Vorhaben und hat selbst einen Traum: mit dem Auto auf dem Landweg nach Hainan zu fahren, einer Insel im äußersten Süden Chinas. Seine Frau sei schon mal dort gewesen und sie habe so davon geschwärmt. Er bekommt ein Leuchten in den Augen und ich freue mich, dass wir mit unserer Reise andere inspirieren können, ihre Träume zu verfolgen. Follow the lines!

Träume teilen

Die Straßen werden ruhiger und einsamer, wir kommen durch kleine Dörfer und blühende, duftende Akazien säumen unseren Weg. Wieder gibt es schöne Begegnungen: an einem Abend machen wir halt und wollen noch in einem Dorfladen ein paar Einkäufe erledigen. Drei Frauen haben uns gesehen und kommen mit ihren Fahrrädern bei uns vorbei und wir reden buchstäblich mit Händen und Füßen. Das einzige, was beide Seiten verstehen, sind die Ortsnamen und ein „Jesus, Maria“, als wir erzählen, was das Ziel unserer Reise ist. Dem Spaß an der Konversation schadet das alles nicht und wir scherzen und lachen jeder in seiner Sprache. Das mit den Einkäufen wird jetzt allerdings nichts mehr, denn als wir uns umdrehen, ist der Laden bereits verriegelt und wir können nirgends mehr etwas kaufen. Auch die Restaurants sind entweder geschlossen, haben nichts zu Essen im Angebot oder sind ausgebucht, weil gerade Schulfeiern sind.

Fahrt in den neuen Morgen
Ungarn werde ich immer mit Akazien verbinden!
Schöne Begegnung, dafür kein Abendessen

So radeln wir hungrig von einem Ort zum nächsten, es wird dunkel und wir fragen spontan bei einem Haus nach einem Restaurant oder einer Übernachtungsmöglichkeit. Der Mann kommt gerade von der Arbeit, bietet uns aber an, uns zu begleiten. Er schwingt sich auf seinen Motorroller, sein Sohn setzt sich hinten drauf und wir schauen, nicht allzu langsam hinterher zu kommen. Nach einer Weile erreichen wir im Dunkeln ein kleines Häuschen an einer Schranke, die anscheinend eine Zufahrt versperrt. Ein paar Worte mit Dr. Google´s Hilfe gewechselt und es wird klar, dass es sich um eine Pferdefarm handelt und der Mann an der Schranke Sicherheitsmitarbeiter ist. Wir können auf dem schönen Grundstück zelten, sollen aber morgens um sechs verschwinden, weil er das ja eigentlich gar nicht darf.

Wundervoller Zeltplatz auf der Pferdefarm…
… und er hat es möglich gemacht!

Am nächsten Tag geht es so weiter. Eine Frau ruft uns zu sich und zeigt lachend auf  ihr Dreirad, soll heißen „Schau ich habe auch eines!“. Sie betreibt die Dorfkneipe und wir bleiben dort spontan zum Frühstück. Ein Mann kommt vorbei, der uns einfach mit den Worten „Souvenir, Souvenir“ Gemüse, Obst und Saft schenkt. Echt rührend!

Ich habe auch ein Dreirad!
Beim Frühstück werden wir beschenkt!
In der Dorfkneipe 1
In der Dorfkneipe 2
In der Dorfkneipe 3

Die nächsten Tage wird die Landschaft noch flacher, was ich eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. Weite Grasflächen reichen bis zum Horizont, nur kurz von ein paar Büschen, Bäumen oder Wasserläufen unterbrochen, ein stetiger, kräftiger Ostwind zerzaust uns die Haare und rüttelt an den Dächern der Trikes. In grandioser Monotonie treten wir Stunde um Stunde gegen den Wind an und es stellt sich irgendwann eine innere Ruhe ein, passend zur äußeren Weite.

Durchhalten!
Weiter, immer weiter!
Rinder in der Puszta
Sonnenuntergang über dem Grasland
Entspannung im Thermalbad

Sehr willkommen sind uns dann die Campingplätze, die an den zahlreichen Thermalquellen gelegen sind. Wir entspannen die müden Glieder im braunen, metallisch riechenden Wasser und langsam beginnt die Vorfreude auf das nächste Land zu keimen. Wir erreichen die Grenze spät abends, tauschen einige freundliche Worte mit den Beamten und rollen die ersten Meter durch Rumänien, das uns mit schwarzer mondloser Finsternis begrüßt.

An der Grenze
Wir sind in Rumänien!