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028 – Herbst und Winter

Viel zu tun gibt es in Khalai Kumb nicht. Wir quartieren uns in einem einem kleinen Gasthaus direkt am Fluss ein, schmunzeln über die Begeisterung der Angestellten für blutige Martial Arts Kämpfe im Fernsehen und freunden uns langsam, langsam mit dem Gedanken an, den Rest an Zivilisation jetzt für eine lange Zeit hinter uns zu lassen. Eigentlich soll es direkt am nächsten Tag weitergehen, doch es kommt etwas dazwischen. Am Abend bemerken wir auf der Straße vor unserer Unterkunft eine Ansammlung von Menschen, die langsam größer wird. Die Leute stehen am Straßenrand, nach und nach kommen weitere hinzu, es herrscht eine freudig gespannte Atmosphäre. Polizisten schützen die Szenerie und überwachen den Verkehr und wir werden neugierig. Irgendwann erzählt uns einer der Schaulustigen, dass gegenüber eine Hochzeit stattfindet soll und sie alle auf die Ankunft der Braut warten. Wir gesellen uns dazu und es dauert nicht mehr lange, bis eine repräsentative Limousine anrollt, ein prächtig herausgeputztes Paar aussteigt und unter allgemeinem Hallo ins Restaurant geht. Kurz darauf werden wir – zu simpel als Touristen erkennbar – angesprochen und nicht überredet, sondern regelrecht hinein befohlen. Drinnen ist schon richtig was los, eine Band spielt feurige Musik, die Leute tanzen ausgelassen und wir werden auf´s Feinste verköstigt. Wir bleiben eine geraume Weile, der tadschikische Wodka heizt uns wie auch den Gästen ein und das Ganze wird immer turbulenter. Irgendwann bittet uns ein Mann, langsam aufzubrechen. Neben uns ist ein weiterer Tourist aus Russland da, mit dem wir uns nett unterhalten und er sagt, dass es kaum eine tadschikische Hochzeit ohne anschließende robuste Auseinandersetzung gebe. Der Mann sei besorgt um uns und wir lassen es dann auch nicht darauf ankommen.

Unser Guesthouse am Fluss


Das Brautpaar ist da!

Denkmal für die ermordeten Radler

Den nächsten Tag verbringen wir ruhig und behaglich, besorgen ein paar Vorräte für die weitere Tour und betrachten eine Weile nachdenklich das Denkmal, das die Gemeinde hier für die vier ermordeten Fahrradtouristen errichtet hat. Schließlich geht es tags darauf los. Die Berge sind von tief hängenden Wolken verhüllt und ein kalter Wind wirbelt den Staub über die ruppige Straße. Mein Blick ist immer wieder auf die afghanische Seite des Flusses gerichtet. Die Häuser sind mit Lehm verputzt und schmiegen sich beschaulich an die Hänge, durchsetzt mit Obstbäumen und Pappeln, Kinder spielen fröhlich Fußball, Kühe und Esel trotten auf der staubigen Straße heimwärts und alles wirkt ruhig und friedlich. Wie sehr doch der Blick auf Afghanistan durch die wenigen Ausschnitte geprägt ist, die man in den Nachrichten zu sehen bekommt! Nach und nach trübt weiter es ein und immer wieder treibt der Wind ein paar unwirtliche Regentropfen zu uns, die uns nicht nass machen, aber jedes Mal zur Überlegung auffordern: „Sind Regenklamotten nötig oder geht´s noch eine Weile?“ Diese Überlegungen finden primär in unseren Köpfen statt, denn die Fahrt entlang der schroffen Flanken der Berge ist trotz des ungemütlichen Wetters schön. Aus grauem Wolkendicht kommen tiefe Täler an den Fluss heran, geben lebensspendendes Nass für die kleinen Felder und fügen den braungrauen Wassermassen des Panj ein paar Wellen hinzu.

Afghanistan im Regen


Pamirische Gastfreundschaft

Wir fahren in die Dämmerung, treffen alle paar Kilometer patroullierende Soldaten und halten schließlich für die Nacht an einem grell beleuchteten Gasthof an. Der Besitzer will einen unverschämten Preis und selbst als er ihn halbiert, ist es uns noch deutlich zu teuer. Ein paar Kilometer weiter ist auf meiner Karte eine Unterkunft eingezeichnet und so geht es müde noch ein wenig durch die Nacht. Diese Unterkunft existiert nicht und so fragen wir kurzerhand bei einem Haus am Straßenrand, ob wir übernachten können. Das klappt und so schlafen wir zum ersten Mal bei einer Familie, die nicht mehr Tadschikisch, sondern Pamiri als Muttersprache hat. Morgens ist es richtig frisch und der Blick in die Berge zeigt, dass das Gefühl nicht trügt. Es hat Neuschnee!

Der erste Neuschnee!


Blick zurück

Die Straße wird immer schlechter, das Tal bedrohlich eng und das Wetter kalt. Die Berge sind bis weit ins Tal mit Schnee bedeckt und auch unten erreicht das Thermometer nur ein paar wenige Grad über null. Es reiht sich eine Bergkette hinter der anderen, wir sehen immer nur bis zur nächsten Biegung des Flusses um eine weitere kalt und abweisend aufragende Felswand. Ich habe nie in meinem Leben ein so langes, so enges und so tiefes Tal bereist. Es braucht nur wenig Phantasie, um sich Hobbits und Elfen auf dem Weg in das Land Mordor vorzustellen.

Wie im Herrn der Ringe


Ungemütlich wird´s

Mit Roberto im Cafe

In einem kleinen Dorf kehren wir in ein karges Cafe ein, mehr wegen der Wärme als wegen des Kaffes, der ein pappsüßes Instantgebräu ist. Nach ein paar Minuten kommt ein weiterer Radler herein, offensichtlich mit dem gleichen Bedürfnis. Roberto ist aus Spanien, spricht fließend polnisch, weil er dort eine geraume Zeit verbracht hat und reist in entgegengesetzer Richtung. Wir unterhalten uns richtig nett, tauschen Kontaktdaten aus und nehmen uns fest vor, den Kontakt auch zu Hause wieder aufzunehmen. Schauen wir mal! Dann geht es wohl oder übel wieder raus in die Kälte und Nässe. Wir kommen im Dunkeln und im kalten Regen an ein verlassen wirkendes Haus, doch wir haben Glück. Zwei Frauen kommen gerade zur rechten Zeit heraus und wir fragen, ob wir hier übernachten können. Das können wir, das Zimmer ist in Ordnung und da es keinen Strom gibt, legen wir uns bald schlafen, den Regen von draußen im Ohr und die kühle Luft der Nacht in der Nase. Ich bin gerade beim Einschlafen, als mir plötzlich Geräusche ins Ohr dringen, ein leises Trippeln und Trappeln, mal neben uns, mal von der Decke, mal entlang der Wand. „Ratten!“ schießt es mir in den Kopf. Wir durchsuchen im Schein der Stirnlampe das Zimmer und in einer Ecke liegt ein Haufen weißer Putz vor einem Loch. Ich leuchte und schaue hinein und zwei schwarze Knopfaugen schauen zurück. Entwarnung – es sind nur die kleinen Verwandten: Mäuse. Hier ist also ihre Eingangstür zu unserem Zimmer! Wir haben Bedenken um unsere Essensvorräte und so verriegeln wir die Tür mit ein paar Steinen.

Zu ist das Mauseloch!


Endlich wieder besseres Wetter

Grüne Oasen in einer Wüste aus Stein


Riesenwelt aus Felstürmen

Am nächsten Tag ist es immer noch kalt, aber das Wetter hat sich deutlich gebessert. Die Berge werden immer noch schroffer und steiler, ein jeder scheint eine einmalige Herausforderung für Kletterer zu sein und doch bin ich sicher, dass viele noch nicht bestiegen sind, ganz einfach, weil es so unglaublich viele von ihnen gibt. Klein wie Zwerge fahren wir durch Riesenwelten aus Stein, die von beiden Seiten immer mehr an uns heranrücken. Es ist mir ein Rätsel, wie hier Menschen leben können. Kaum Fläche, um Häuser zu bauen oder Landwirtschaft zu betreiben, die Sonne erreicht nur für wenige Stunden die Talsohle und im Winter sind die Täler oft wochenlang unerreichbar eingeschneit. Selten, ganz selten wird das Tal ein wenig breiter und stellt den Menschen ein wenig Ackerland zur Verfügung. Von dieser Fläche wird dann konsequent alles genutzt und ich bin immer wieder überrascht, was sich den kleinen Parzellen abtrotzen lässt, sind sie doch oftmals nur so groß wie der Garten eines Reihenhauses. Mal werden Kartoffeln und Rüben angebaut, mal grasen wenige Kühe und Schafe, mal reift spätes Obst. Mittlerweile ist der Herbst richtig da, es duftet nach Laub, das Gelb der Bäume leuchtet und jede Nacht wird gefühlt kälter, während die Tage sonnig und warm bleiben.

Mittagspause


Die Tage sind noch warm

Die Fahrt führt einsam entlang des immerwährend rauschenden Flusses, mal durch kleine Dörfer, mal wieder durch unberührte Landschaften. Kurz vor der ersten größeren Ortschaft Rushan wird das Flusstal weit, das afghanische Ufer spiegelt sich entrückt im abendlichen Wasser und letzte Wolken schweben rosa schimmernd über den stillen Bergen. Wir fahren im Licht des Abends in ein Dorf und ein paar Einheimische weisen uns den Weg zu einem Homestay, der Unterkunft im Haus einer Familie. Wir tragen unsere Sachen ins Haus und irgendwie ist es weniger als sonst. Ein Packsack mit Klamotten fehlt! Ein wenig panisch suchen wir alles durch, doch es bleibt dabei: der Sack ist weg und mit ihm eine Regenhose, eine Hardshell-Jacke, ein Merino-Shirt und damit wirklich wichtige Ausrüstung für die Hochebene. Wir organisieren ein Auto, fahren 10, 12 Kilometer langsam zurück, scannen mit Röntgenblick links wie rechts den Straßenrand, doch der Beutel bleibt verschwunden. Traurig, aber mit dem festen Vorsatz, morgen nochmal zu Fuß suchen zu gehen, legen wir uns ins Bett. Auch am nächsten Morgen haben wir keinen Erfolg, trotz eines Marsches von zehn Kilometern bei dem wir gefühlt unter jeden Stein, hinter jeden Busch und in jeden Graben schauen. Wir kommen frustriert zurück in die Unterkunft und erzählen unserer Gastgeberin, was passiert ist. Sie bedeutet uns, kurz zu warten und kommt mit einer gefütterten Jacke wieder zurück. Klar und deutlich, mit keinerlei Zweifel in der Stimme sagt sie zu Daria: „Ich schenke Dir meine Jacke. Ich habe eine zweite und ich brauche nur eine.“ Die Frustration weicht Dankbarkeit und Rührung, Daria umarmt schluchzend die Frau, die uns von dem wenigen was sie hat, einfach das gibt, was wir dringend brauchen. Und wie einfach und wie wahr ist ihre Aussage! Wer braucht mehr als eine Jacke? Mit einem guten Stück mehr an Zuversicht brechen wir auf und radeln ein paar hundert Meter zum Ende des Dorfes, als ein moderner Geländewagen bei uns anhält und eine junge Familie aussteigt. Sie sind offensichtlich ebenfalls Touristen, kommen aus Indonesien und sind mit zwei Kindern seit ein paar Monaten unterwegs (https://journeyofwonder.com/2018/). Wir erzählen von der unglaublichen Großzügigkeit unserer Gastfamilie, ratschen ein bisschen und verabschieden uns. Keine fünf Minuten später kommen sie wieder zu uns herangefahren, die kleine Frau steigt aus mit einem Bündel Klamotten im Arm: einen Fleecepulli, eine Weste und ein paar Dinge mehr. „Wir waren in der Kälte unterwegs und fahren jetzt nach Usbekistan. Da brauchen wir die warmen Klamotten nicht mehr. Sie sind nur leider nicht sauber!“ Wir können es kaum fassen, keine 24 Stunden sind vorbei und wir haben beinahe kompletten Ersatz für den Verlust – als Geschenk!

Eine Jacke als Geschenk!


Die selbstlose Spenderin

Und gleich weitere Geschenke!

Die Fahrt nach Khorog führt durch das spätherbstliche Tal, wir werden – wenn ich alles richtig verstanden habe – vom tadschikischen Bauminister auf eine Hochzeit eingeladen und kommen an einem trüben Spätnachmittag in der Hauptstadt des westlichen Pamir an. Aus deutscher Perspektive ist Khorog ein kleines Kaff, aus unserer Perspektive von zwei Wochen am Ende der Welt eine Metropole. Es gibt einen Basar und viele kleine Läden, ein bunter Trubel erfüllt die Straßen und es gibt sogar eine Universität, vor der sich modern gekleidete, cool dreinblickende Studenten tummeln. Wir quartieren uns in der Pamir Lodge ein, einer klassischen Backpacker-Unterkunft, in der sich die Abenteurer aus der ganzen Welt treffen. Das Wetter ist nasskalt und eklig, der Austausch mit den anderen Reisenden warmherzig und interessant. Nathan aus England hat drei Jahre als Lehrer in China gelebt und fährt jetzt mit dem Fahrrad nach Hause, zwei Mexikaner sind in der gleichen Richtung wie wir unterwegs und froh, dass sie nicht „the only crazy guys“ sind, die im Oktober in Richtung Hochebene fahren. Hierher habe ich mir Ersatzteile für die Trikes schicken lassen und siehe da, sowohl das Paket aus Deutschland als auch das aus Russland sind angekommen. Ich bin also echt optimal mit Technik versorgt und lasse den Haus- und Hof-Mechaniker der Pamir Lodge die Ketten der Trikes wechseln und ein paar kleinere Reparaturen vornehmen. Wir speisen hervorragend im örtlichen indischen Restaurant und ratschen nett mit Sarah aus Australien, die seit einiger Zeit in Tadschikistan lebt.

Der tadschikische Bauminister (oder so)


Internationale Fastfoodketten erobern den Pamir

Am Basar von Khorog


Alle sind wir auf großer Tour!

Zwei Tage später klart der Himmel auf, die Sonne lacht und die bunten Blätter der Bäume funkeln in klaren Oktoberluft. „Jetzt geht´s bergauf!“ denk ich mir und so ist es, wenn auch sanfter als befürchtet. Wir verlassen die afghanische Grenze und den Panj und folgen dem Seitental des Gunt River. Die Landschaft öffnet sich, die Felder werden größer und die Orte wirken ein klein wenig wohlhabender. Im Sonnenschein ist es noch recht warm, doch im Schatten kriecht eine leise Kälte unter die Klamotten und ein See an dem wir vorbeikommen ist bereits teilweise zugefroren. Richtig kalt wird es, sobald die Sonne weg ist und so machen wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft, die auf der Karte eingezeichnet ist. Da wir nichts finden können, fragen wir bei einem Haus nach und werden prompt eingeladen. Hier merken wir, dass wir in einer neuen Region angekommen sind, in der die Menschen nicht nur eine andere Sprache sprechen, sondern auch ihre Häuser auf eigene Weise bauen. In der Mitte des Wohnzimmers steht ein eiserner Holzofen, der den Raum mit wohliger Wärme füllt. Das Dach des Hauses wird durch vier hölzerne Pfeiler gestützt und zu den Wänden hin bilden Podeste mehrere Stufen, als sei der Raum ein antikes Theater mit einem Ofen in der Mitte. Es gibt Tee, Brot, Kekse und Kirschmarmelade, wir unterhalten mit Händen und Handy und ich setze mich neben den Sohn, der in einer Ecke über den Hausaufgaben sitzt. Er liest mir aus seinem Englischbuch vor: „We have all modern conveniences in our flat: gas, running water, central heating, a lavatory and a bathroom. It´s very useful and comfortable to have modern conveniences in your home.“

Goldener Oktober


Traditionelles Pamirisches Haus

Herbst und Winter


Die Berge sind weiß!

Erste Yaks


Ruhige Mittagspause am Fluss

Es geht weiter und weiter, stetig langsam bergauf und wir erreichen 2000, 2500 und schließlich 3000 Meter Meereshöhe auf guter Straße, in stiller Landschaft. Die Kühe weichen langsam Schafen und schließlich Yaks. Einige Abende später kommen wir in der beginnenden Kälte in einen kleinen Weiler aus ein paar Lehmhäusern. Ein Junge von vielleicht 15 Jahren kommt auf uns zugerannt, wild gestikulierend, Laute von sich gebend, aber ohne zu sprechen. Mir dämmert bald, dass er wohl gehörlos ist und versuche zu verstehen, was er uns mitteilen will. Ganz offensichtlich ist es eine Einladung. Wir sind ohnehin auf Nachtlagersuche und so gehen wir mit. Das Haus ist abermals einfacher als die bisherigen, doch die Bauweise wieder traditionell pamirisch. Eine große Gruppe Menschen sitzt um ein Tuch herum und sprechen Gebete. Wir setzen uns still in eine Ecke und lauschen und schauen der fremden Tradition zu, die ganz offensichtlich mit großer Hingabe gepflegt wird. Nachdem sie das Abendgebet beendet haben, gehen die meisten hinaus und nur die Familie bleibt zurück. Der Junge, der uns eingeladen hat, ist hellwach und sehr aufmerksam, reicht uns warmes Wasser vom Ofen, um die Hände zu waschen und ist stets um unser Wohl besorgt. Neben ihm wohnen hier noch zwei seiner zwei jüngeren Brüder, die Mutter der dreien und der Großvater. Die Kommunikation zwischen dem Jungen und seinen Geschwistern und auch mit uns erfolgt ausschließlich über Gesten. Er hat offensichtlich viel Übung darin, zu erkennen, was anderen Menschen sagen möchten und sich ihnen wiederum verständlich zu machen. Wir fragen die Mutter auf Russisch, warum der Sohn keine Gebärdensprachen gelernt hat. Meine Vermutung war, dass es einfach zu teuer war, ihn auf eine entsprechende Schule zu schicken. Überrascht und verwundert sind wir, als uns die Mutter erklärt, die Schule in Dushanbe sei kostenlos, aber der Vater habe nicht gewollt, dass sein Sohn dort hingeht. Einen wirklichen Grund für diese Haltung erfahren wir nicht und so müssen wir es stehenlassen.

Verständigung mit Karte, Gesten…


… und Musik.

Es gibt den berühmten Pamir Chai, eine Mischung aus Tee, Milch, Salz und einer gehörigen Portion Butter. Das zusammen mit Brot ist das übliche Abendessen und auch das Frühstück der Pamiri. Hier oben in den kargen Bergen ist die Ernährungssituation noch einmal schwieriger als in den engen Tälern des Westpamir. Feldfrüchte wachsen kaum noch und die Lebensgrundlage der Menschen sind die Tiere. Bei unserer Familie sind es ein paar Schafe und Ziegen, die am nächsten Morgen vom Sohn auf die Weide gebracht werden. Obwohl es eine Einladung war, lassen wir Geld da, was die Mutter nach gutem Zureden und dem Argument, es sei für die Kinder, auch annimmt. Die Armut der Menschen hier oben zeigt sich an vermeintlich kleinen, alltäglichen Dingen. Eine Toilette, wie wir Westler sie kennen, gibt es hier seit Usbekistan nicht mehr. Unten im Tal waren die Plumpsklos jedoch oftmals nett gestaltete Häuschen neben dem Wohnhaus, später gab es dann kleine Verschläge irgendwo auf dem Feld, bis es hier oben schließlich gar keine Toilette bzw. eine sehr große gibt. Anfangs gab es dazu oftmals verwirrende Kommunikation. Daria: „Wo ist die Toilette?“ Gastgeberin: „Draußen links!“ Daria kommt zurück: „Wo denn? Ich habe nichts gefunden.“ Gastgeberin: „Ja, wo Du willst!“ Jetzt hat es nachts minus 15 Grad, im Winter sind es manchmal minus 40. Ich versuche mir vorzustellen, wie das mit Kindern, bei Krankheit jeden Tag funktioniert und bin dankbar um den Komfort meines Lebens.

Immer weiter…


… Richtung Winterberge

Als die Morgensonne die größte Kälte vertrieben hat, brechen wir auf und fahren unter stahlblauem Himmel den schneebedeckten Bergen entgegen. Es gibt jetzt nur noch vereinzelt Häuser, die verlassen in der großen, leeren Landschaft stehen und mit ihren Herdfeuern Rauchzeichen in die Winterluft schicken. Vor einem dieser Häuser kommt ein Mann auf uns zu und bietet uns Tee an. Wir freuen uns über die Pause und kommen zu ihm in sein Haus, das noch nicht ganz fertig gebaut ist. Wir zeigen ihm Bilder der letzten Tage und plötzlich sagt er: das ist mein Sohn! Und in der Tat, wie es das Schicksal wollte, sind wir beim Vater des Jungen gelandet, der uns letzte Nacht eingeladen hatte. Der Vater verbringt die Zeit von Frühjahr bis Herbst hier, ein paar Kilometer oberhalb seines Dorfes und baut ein Haus. Und das ist wörtlich gemeint: er baut das Haus und zwar alleine und mit bloßen Händen. Die Steine stammen aus der Natur, verputzt wird mit Lehm und nur die Balken des Dachs und das erste von vier Fenstern sind gekauft. Den Standort hat er hier gewählt, weil es in der Nähe warme Quellen gibt, die er für das Bad nutzen möchte und sein Ziel ist, eine Unterkunft für Touristen zu bauen. Es ist seit zwei Jahren am Werk, noch bei weitem nicht fertig, aber alles ist gut durchdacht und in einem Zustand, dass man ihm glaubt, es im kommenden Jahr zu schaffen. Geld hat er im Wortsinne keines und wenn er ein Fenster kaufen möchte, gibt er zwei Schafe im Austausch. Ich beginne zu verstehen, warum er seinem Sohn die Schule für Gehörlose verweigert hat. Der muss für die Tiere sorgen, die einzige wirtschaftliche Ressource der Familie, um eine wirkliche Verbesserung herbeizuführen, damit der Vater Zeit hat, das Haus zu bauen.

Pamirhäuser


Bridge over troubled water


Neue Unterkunft für Touristen

Mit dem Vater und Baumeister

Wir trinken Tee, teilen unsere Brotzeit und fahren weiter bis wir ein winziges Dorf auf 3500 Metern Höhe erreichen. Von den umliegenden Bergen fließen kleine Bäche herab, von denen weißer Dampf aufsteigt, der sich in der Kälte der Abendluft verliert. Wir irren ein bisschen herum, bis wir das finden, was wir suchen. Inmitten der Bergpracht, in den Dampf der heißen Quellen gehüllt steht ein großes Sanatorium, ein Relikt aus Sowjetzeiten. Der Preis für eine Übernachtung ist unglaublich günstig und wir quartieren uns ein, in der Hoffnung auf ein warmes Bad und ein wenig Entspannung. Innen wirkt das Sanatorium wie die Kulisse zu einem Agentenfilm aus den Achtzigerjahren, doch wenn man in die Badehallen kommt, ist es eher, als habe man die Tür zur Unterwelt geöffnet. Es riecht nach Schwefel, die Luft ist voller Dampf und das Licht gerade mal ausreichend, um schemenhaft ein großes Becken zu erkennen. Ich ziehe mich aus, tauche vorsichtig einen Fuß in das dampfende Wasser und ziehe ihn sofort wieder zurück. Das Wasser ist sicher 45 Grad heiß und meine Füße sind kalt. Nach zwei, drei weiteren Versuchen ist es auszuhalten, doch richtig lange drin liegen geht nicht. Ich spüre, wie mein Körper gegen die Hitze kämpft und belasse es bei immer wieder kurz eintauchen. Anschließend frage ich bei den Angestellten nach und sie sagen, dass das Wasser die natürliche Temperatur habe und eben mal wärmer und mal kälter sei. Wir bleiben dennoch einen ganzen Tag hier, kurieren unsere Erkältung ein wenig und akklimatisieren uns an die Höhe, denn dies wird für viele Tage der niedrigste Ort sein.

Heiße Bäche


Das „Sanatorium“

In der Tat geht es tags darauf weiter nach oben, der Schnee reicht bereits bis an den Straßenrand heran und der Anstieg zum nächsten Pass verläuft über eine steile Schotterstraße. Die Luft ist richtig dünn geworden, unsere Atmung geht schneller, der Puls rast, doch die Landschaft ist überwältigend schön. Eisig glitzernde Schneeweiten ziehen sich bis an den Horizont, in der Ferne zeichnen die Grate der Fünftausender scharfe Linien in das dunkle Blau des Himmels, der Fluss liegt zu Eis erstarrt im Tal und in der Ferne scharren Yaks im Schnee, um an das Gras darunter zu gelangen. Als wir auf der weiten Hochebene des Koitezek Passes auf über 4100 Metern angelangt sind, geht gerade die Sonne unter und ein leichter Wind frischt auf. Schlagartig wird es eisig kalt, der volle Mond steht über der Einöde und die Welt wirkt, als sei sie erstarrt. Die Kälte schmerzt und meine Finger sind so klamm, dass ich fast nicht den Reißverschluss der Jacke zubekomme. Wir ziehen fast alles über, was wir haben und beeilen uns weiterzukommen. Das weiße Licht des Vollmonds umspielt die schneebedeckten Berge und es wir kälter und kälter. Langsam kommen mir Zweifel, ob wir die verbleibenden 20 Kilometer zur Unterkunft wirklich gut schaffen können. Nach einer Weile sehen wir einige Meter neben der Straße ein Haus und ich meine, Licht in einem der Fenster zu erkennen. Dann wieder sieht es so aus, als würde sich lediglich der Mondschein im Fenster spiegeln. Egal, eine Chance ist es und so gehen wir hin und schauen nach. Und wir haben Glück. Ein altes Ehepaar wohnt hier inmitten des absoluten Nichts in primitivsten Verhältnissen, doch es gibt das was wir brauchen: einen Ofen und gebratene Kartoffeln zu essen. Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr hier sich hier oben unsere Bedürfnisse auf das Wesentliche reduzieren: Wärme, Essen und ein Dach über dem Kopf. Es ist schön, aus der schneidenden Kälte in die behagliche Wärme zu treten, die verfrorenen Hände am Ofen zu wärmen, mit fremden Menschen ein einfaches Mahl zu teilen und zu wissen, dass man die Nacht hier sicher verbringen kann. In einem zweiten Zimmer wird ein Ofen für uns angeheizt, wir breiten unsere Schlafsäcke aus und schauen aus dem Fenster in die mondhelle Nacht.

Hier gibt´s kein fließend Wasser mehr


Auf dem Weg zum Koitezek Pass

Sobald die Sonne weg ist, wird eiskalt


Mond über dem Pass

Unterkunft am Koitezek Pass

Die weitere Fahrt führt uns durch weite Hochebenen, immer kargere Vegetation und gottverlassene winzige Dörfer. Einer dieser Orte ist Alichur. Entlang der Straße reihen sie ein paar einfache Häuser, es gibt ein kleines Restaurant und mehrere Homestays, also Privatunterkünfte. Da es jedoch mitten am Tag ist, essen wir nur eine Kleinigkeit, fahren weiter und sind nach ein paar Minuten wieder mit der unendlichen Weite der Hochebene allein. Es ist herrlich. Herden von Yaks grasen vor schneebedeckten Bergen, das winterliche Gras leuchtet golden und die späte Sonne gibt der Landschaft klare und scharfe Kontur. Die nächste Unterkunft erreichen wir bei Einbruch der Dunkelheit, doch sie ist geschlossen. Ende der Saison! Die Vorstellung, bei minus 15, minus 20 Grad im Zelt zu schlafen, ist nicht verlockend und so halten wir einen Minibus an, der vorbeikommt und fragen, wo wir denn übernachten können. 15 Kilometer zurück nach Alichur sei die einzige Möglichkeit, was für uns keine tolle Option ist.  Die Menschen sind geduldig und hilfsbereit, als wir ein paar Gepäckstücke abnehmen und unsere Trikes hinter dem Haus parken. Anschließend steigen wir zu ihnen in den Bus und sie fahren uns bis kurz vor Alichur. Wir kommen bei einer netten Familie in einem einfachen Haus unter und haben am nächsten Morgen einen schönen Einblick in ihren Alltag. Hinter dem Haus ist ein Stall mit einem ummauerten Hof, in den die Kühe morgens rausgelassen werden. In einem zweiten Stall verbringen die Kälber die Nacht. Sie dürfen einzeln kurz zum Säugen zur Mutterkuh, werden dann aber vertrieben und die Frau beginnt zu melken. Die Kühe hier geben nur ein bis zwei Liter pro Tag und werden wirklich liebevoll umsorgt. Nach dem Melken werden sie raus auf die endlosen Weiden gebracht.

Auf der Hochebene


Yaks auf der Winterweide


Alichur

Frühstück mit Buttertee (Pamir Chai)


Hier ist unser Tisch!

Beim Melken

Ein Mann bringt uns anschließend zurück zu unseren Trikes und wir fahren über einen kleineren Pass und in einer großen Abfahrt hinunter nach Murghab, der Hauptstadt des Ostpamir. Murghab wurde Ende des 19. Jahrhunderts als Garnison gegründet, wuchs mit dem Bau des Pamirhighways rasch an und hat heute etwa 7000 Einwohner. Das Leben ist immer noch einfach, die Häuser werden mit kleinen Holz- und Kuhdungöfen beheizt, es gibt keine Kanalisation und der Alltag ist ruhig und entspannt. Wir verbringen einen Ruhetag mit Schreiben, lassen uns auf dem Basar treiben, der hier aus alten Containern besteht und kochen zum ersten Mal seit langem mal wieder einen Berg Gemüse. Mit dabei sind John und Teagan aus Australien, die uns nett Gesellschaft leisten.

Murghab mit Blick auf die chinesischen 7000er


Basar von Murghab

Chorba – typisches Pamir Mittagessen


Gemüse schneiden

Als wir aufbrechen ist es wunderbar sonnig, halbwegs warm und der Blick in der klaren, trockenen Luft reicht bis zu den Siebentausendern in China. Wir fahren entlang der Grenze in Stille viele Kilometer sanft bergauf, durchqueren weite Wüstentäler und kommen mehr und mehr in den Winter, bis wir auf 4300 Metern Höhe noch eine einfache Unterkunft finden. Das Haus ist aus einfachen Holzplanken gebaut, innen mit wenigen Mitteln wohnlich gestaltet und die Luft ist so dünn, dass ich mich erstmal hinlegen muss zum Atem schöpfen und Ausruhen. Für den morgigen Tag bleiben immer noch über 300 Höhenmeter bis zur höchsten Stelle unserer Reise, dem Ak Baital Pass. In schneidender Kälte geht es morgens los, wir fahren stetig und langsam die steilen letzten Schleifen hinauf, gönnen uns ein paar kurze Pausen, doch insgesamt geht es gut voran. Stolz und glücklich erreichen wir im kalten Wind den höchsten Punkt, auf vereister Straße, umgeben von Winterbergen, mit Blick in blaue Fernen. Viertausendsechshundertfünfundfünfzig Meter! Wir können es selbst kaum glauben, lachen und scherzen, filmen und genießen den Ausblick, trotzen Kälte und Wind. Die Fahrt hinab auf fest gepresstem Schnee und immer wieder blankem Eis hat mehr von einer Skitour als von einer Fahrradreise. Es folgen noch anstrengende 20 Kilometer Waschbrettpiste und wir erreichen im Dunkel der Nacht das kleine Dorf Karakul, einen verlorenen Ort inmitten der endlosen Hochebene, wo wir die Nacht verbringen.

Hinter Murghab wird es still und weit


Auf dem Weg zum höchsten Pass

Letzte Unterkunft auf 4300 Metern Höhe


Drinnen bei der Familie

Auf dem Ak Baital


Jawoll! Geschafft!

Runter gehts auf Schnee und Eis

Der nächste Morgen empfängt uns grauem Wind und vereinzelten Schneeschauern, auf dem tiefblauen Karakul See bilden sich weiß leuchtende Schaumkronen und über den Bergen liegen schwere Wolken. Den Wind im Geist, die unermessliche Weite im Gemüt fahren wir los, um den großen See herum, durch staubige Wüste, hinein in die Berge in Richtung der kirgisischen Grenze. Gegen Abend wird der Wind immer stärker und wir finden im Dunkeln einen halbwegs geschützten Platz neben einer Wand aus Geröll und Schnee, an der wir das Zelt aufbauen, direkt neben dem chinesischen Grenzzaun. Ich koche ein Abendessen, das uns ein wenig zusätzlicher Wärme für die Nacht geben soll und wir packen uns in voller Montur in die Schlafsäcke. Der Sturm rüttelt am Zelt, der Atem dampft und ich bin froh, gut ausgerüstet zu sein.

Weite der Hochlandwüste


Hinter Karakul

Abendessen


Unser Zeltplatz am Morgen

Morgens hat der Wind gedreht und ist zum Sturm angeschwollen und die Landschaft ist zu einer grau-weißen Kältewüste geworden, aus der jede Farbe gewichen ist. Wir ziehen buchstäblich alles an, was wir haben, verhüllen die Gesichter mit Sturmhauben, packen zusammen und setzen uns in die Trikes. Der Winter hat uns jetzt vollends im Griff. Er schickt die Kälte durch jede kleinste Ritze in der Kleidung, er lässt die Zehen taub werden, er macht uns die Finger klamm, er lässt die Bremsen vereisen und sticht wie mit Nadeln in Nase und Backen. Frierend fahren wir los und stellen uns den Göttern des Windes. Die Straße wird zu einer rauhen Piste, der Sturm wirft uns erst Sandkörner und dann Eiskristalle ins Gesicht und wir werden immer langsamer. Siebzehn Kilometer! Nur siebzehn Kilometer liegen vor uns und doch ist es eine gefühlte Ewigkeit im Kampf gegen die Elemente.

Kältewüste


Gut verpackt!

Kalte Welt


Ein letzter Anstieg

Sonne und Sturm

Die Kälte ist unerbittlich, aber die Fahrt hat einen ganz eigenen Reiz mit den glitzernden Schneeflächen, dem Tanz der Wolken und dem tosenden Sturm um die winterlichen Berge. Ein letzter steiler Anstieg bringt uns in Sichtweite der tadschikischen Grenzposten, doch jetzt bleiben wir 200 Meter vor dem Ziel fast stecken. Der Wind hat den Schnee auf die Straße verfrachtet und wir müssen die letzten Meter jedes Trike gemeinsam durch fast knietiefes Weiß schieben. Entkräftet kommen wir zum Schlagbaum und stapfen in den kleinen, aber gottlob wohlig warm beheizten Container. Die Soldaten sind rührend nett und bieten uns sogleich Tee und etwas zu essen an, wir bekommen einen Ausreisestempel, weil unser Visum heute abläuft und es ist überhaupt kein Problem, dass wir erst morgen die Grenze überqueren wollen. Draußen vor der Tür liegt ein großer Haufen schwarzer Steinkohle. Einer der Soldaten haut mit einem Stein ein paar kleinere Brocken ab und wir gehen in ein Nebengebäude, wo er für uns den Ofen anheizt und uns eine gute Nacht wünscht. Dankbar und still sitze ich da, schaue auf die roten Flammen, die durch die Ritzen des Ofens scheinen, draußen heult der Sturm und gleich gibt es heißen Tee.

Im Schneesturm


Schieben auf den letzten Metern

Warmer Ofen und heißer Tee