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026 – Seidenstraße

Langsam, sehr langsam tritt der neue Tag in mein Bewusstsein. Es ist schon recht warm, die Sonne scheint durch unsere grüne Zeltwand, draußen lärmt irgendetwas, doch es dauert noch einige Minuten, bis mein Kopf sich ordnet und die Traumwelt vom Wachen trennt. Schließlich ist der Kreislauf soweit hochgefahren, dass wir aus dem Zelt, auf den staubigen Platz gekrochen kommen. Wie schön, nicht sofort losrasen zu müssen, sondern den Tag kommen zu lassen, sich erst einmal in Ruhe auf einen Stein zu setzen und in die Sonne zu blinzeln!

Erstmal ganz langsam!


Zum Geburtstag viel Freiheit!

Anouck und James kommen vorbei, haben frischen Minztee vorbereitet und wir frühstücken gemeinsam. Nachträglich zu Darias Geburtstag haben die beiden ein schönes Geschenk mitgebracht: eine Zeichnung des Moments, in dem Daria den Iran verlässt und sich erleichtert vom Kopftuch befreit. Klasse Idee und wunderschön umgesetzt durch James´ künstlerische Hände. Wir lassen uns richtig Zeit beim Frühstück und dann mach ich mich daran, die gerissene Kette zu reparieren. Schließlich kommen wir am frühen Nachmittag los. Die Sonne schmeichelt mit sanfter Wärme, die Straße rumpelt ein wenig, doch alles läuft geschmeidig ohne Druck, ohne Eile und ohne ein ablaufendes Visum im Nacken. Selbst als wieder das Hinterrad platt ist, bringt es mich kaum aus der Ruhe. Ich baue das Rad aus und siehe da, ohne den ganzen Stress komme ich wie von selbst auf den Grund für die Pannen der letzten Tage. Das Felgenband war ein klein wenig verschoben und die scharfen Kanten der Speichenöffnungen haben mir immer wieder den Schlauch aufgeschnitten. Ich verklebe die gesamte Felge innen mit Panzertape, baue das Rad wieder ein und wir setzen unseren Weg fort.

Ein neues Land beradeln!


Ausblick auf die nächsten Ziele

Es ist immer wieder spannend, ein neues, unbekanntes Land zu betreten. Die Menschen sehen wieder ein bisschen anders aus, es liegt ein unbekannter Duft nach Essen in den Straßen und die Landschaft, Vegetation und Architektur bieten wieder einen anderen Rahmen für die Reise. Wir halten in der Abenddämmerung vor einem Restaurant und lassen uns in der Küche zeigen, was es zu essen gibt. Daria ist die Mutigste und wählt die Suppe mit Ziegenfuß, während es für uns andere drei etwas gewöhnlichere Kost gibt. Es ist herrlich, in der lauen Abendluft auf dem Balkon zu sitzen, das Essen und kühles usbekisches Bier zu genießen. Anouck und James ziehen es dann vor, im Zelt zu schlafen, während wir ein einfaches Zimmer des Hauses beziehen.

Ungewöhnlich und lecker Abendessen

Der nächste Tag führt uns durch die ausgedehnten Baumwollfelder, für die Usbekistan berühmt und ja, auch berüchtigt ist. Die Bewässerungssysteme stammen noch aus der Sowjetzeit, nutzen das Wasser des Pamir und zweigen es fast vollständig für die Landwirtschaft ab. In der Folge ist der riesige Aralsee, der früher zur Hälfte in Usbekistan, zur Hälfte in Kasachstan lag, beinahe vollständig ausgetrocknet. Es gibt nur noch zwei getrennte kleine Restflächen, die zusammen etwa 10 Prozent der ursprünglichen Fläche betragen. Im restlichen ehemaligen Gebiet des Sees liegen geisterhaft Schiffe im trockenen Wüstensand und es deutet sonst kaum etwas auf die verlorene Wasserwelt hin. Wir halten an einem künstlichen Becken am Straßenrand, das von einer riesigen Pumpe stetig und unaufhörlich mit Wasser gefüllt wird. Ein Mann, der hinzukommt, nennt uns 500 Liter pro Sekunde an Leistung. „Hier also ist der Aralsee!“ kommt uns in den Sinn. Baden kann man wegen der gefährlichen Kräfte des Wassers hier nicht, doch ein paar Hundert Meter weiter kommen wir auf unsere Kosten. Herrlich tauchen wir in die kühle Frische eines Bewässerungsbeckens ein, waschen uns den Staub vom Leib und kosten die etwas paradoxe Freude des Umweltfrevels.

Das ist der Aralsee…


… in dem wir baden!

Nach einer weiteren Übernachtung, zu der wir von recht wohlhabenden Baumwollbauern eingeladen werden, kommen wir zu einer einerseits netten, aber auch etwas seltsam anmutenden Zeremonie an einer Schule. Das neue Schuljahr hat begonnen und mit Fahnen, militärischen Appellen und heroisch klingenden Ansprachen wird das gefeiert. Der Rektor lädt uns ein, beim Festakt dabei zu sein und freut sich, ausländischen Besuch zu haben.

Bei den Baumwollbauern zu Hause


Wir musizieren für die Gastgeber

James zeigt die Sammlung an Monstern


Festliche Parade

Beginn des neuen Schuljahres


Die neuen ABC-Schützen

Wir kommen nun zügig in Richtung der sagenumwobenen Stadt Buchara voran, neben Khiva und Samarkand eine der ältesten und berühmtesten Städte der Seidenstraße. Seidenstraße! Welch ein erhabenes Wort! Über Jahrtausende von der Antike bis in die frühe Neuzeit wurden über dieses weite Netz an Handelsstraßen Seide gen Westen und Wolle, Gold und Silber gen Osten gehandelt. Parallel zum Austausch der Güter fand ein reger Austausch an Wissen, Kultur und Religion statt. Der Buddhismus gelangte über die Seidenstraße von Indien nach China, christliche Ideen kamen aus dem römischen Reich bis weit nach Osten, die Sprache der Perser verbreitete sich bis in den Pamir, die türkische Sprache von der Türkei bis ins heutige westliche China. Jedoch nicht nur Kultur und Handel breiteten sich aus, sondern auch die große Pestepedemie des 14. Jahrhunderts, der „Schwarze Tod“, kam wohl über die Seidenstraße nach Europa. Mit dem Ende des Römischen Reiches und den Eroberungen Arabiens im 13. Jahrhundert wurde die Welt zwischen dem Pamir und dem Mittelmeer unsicherer. Der alte Glanz der Seidenstraße verblasste und der große Handelsweg verlor an Bedeutung. Doch ganz in Vergessenheit geriet die alte Verbindung nie. Marco Polo reiste über die Seidenstraße nach Indien und China, das er Cathay nannte, ein Wort, das heute unter anderem im Russischen noch als Китай (Kitay) erhalten ist. Den Begriff „Seidenstraße“ hingegen gebrauchten die Menschen über Jahrtausende gar nicht. Er geht auf den deutschen Geografen Ferdinand von Richthofen und das 19. Jahrhundert zurück.

Diese lange Geschichte mehr im Gemüt als im Kopf versuche ich immer wieder – wie der Regisseur eines Historienfilms – die modernen Dinge auszublenden und mir vorzustellen, dass auf genau dieser Straße Karawanen mit Stoffen, Gewürzen und orientalischen Reichtümern unterwegs waren, die damaligen Menschen wie ich den Blick in die Weiten der Wüste hatten und dann irgendwann nach entbehrungsreichen Tagen und Wochen die blauen Kuppeln und erdfarbenen Häuser von Buchara in Sicht kamen. Einfach ist diese Übung nicht, fahren wir doch auf breiter Straße inmitten von Autos, vorbei an Werkstätten und Geschäften. Und doch liegt ein wenig vom Duft der alten Zeit in der Luft, wir entdecken alte Mauern zwischen den neuen Häusern und fahren in dem Bewusstsein, auf einer der ältesten Handelsrouten der Welt unterwegs zu sein.

Anouck und die alten Herren

Im Zentrum Bucharas angelangt, machen wir Rast im kühlen Schatten eines Parks. James und ich laufen los durch die Gassen der Altstadt auf der Suche nach einer Wechselstube, während Daria und Anouck mit ein paar älteren Herren ins Gespräch kommen. Sie stellen uns eine Unterkunftsmöglichkeit in Aussicht und einer der Herren fährt uns schließlich mit klapperigem Fahrrad voraus. Wir folgen ihm eine gute Viertelstunde durch die enger werdenden Straßen der Stadt, begleitet von fröhlicher Musik, die aus den Boxen seiner Fahrrad-Musikanlage ertönt. Das Haus an dem wir ankommen, ist schön, hat einen kühlen, schattigen Innenhof und wir bekommen gleich mal Tee und Suppe zur Begrüßung. Mehrere Frauen sind etwas hektisch am Arbeiten und irgendwie haben wir den Eindruck, nicht wirklich willkommen zu sein. Nach und nach stellt sich heraus, dass der Mann uns ohne Rücksprache mit den eigentlichen Herrinnen des Hauses eingeladen hat. Am Abend erwarten sie hundert Gäste und es passt einfach hinten und vorne nicht, jetzt auch noch uns Reisende irgendwie unterzubringen, auch wenn es gegen Bezahlung wäre. Offensichtlich zurechtgewiesen, telefoniert der Mann wieder und wir fahren zu einer anderen Bleibe, sehr einfach, doch nah am Zentrum der Stadt. Es zeigt sich hier, dass wir in einer touristischeren Ecke sind als jemals zuvor auf der Reise. Bei der Unterkunft werden alle Leistungen einzeln kommerzialisiert: Übernachtung, Frühstück, Badbenutzung. Insgesamt ist es immer noch echt günstig, doch angesichts dessen, dass man den Raum nur mit sehr viel Wohlwollen als Bad bezeichnen kann, ein wenig befremdlich. Uns soll es aber nicht groß stören, wir erkunden jetzt Buchara!

Das heißt, erst noch gilt es einer bürokratischen Besonderheit Usbekistans Genüge zu tun. Es besagt eine Regel, dass sich jeder Tourist alle drei Tage registrieren muss. Dies erfolgt normalerweise durch die Hotels, in denen er nächtigt, gegen eine kleine Gebühr. Da wir aber im Zelt und bei Privatleuten schlafen, kommen wir nicht in den Genuss dieses automatischen Service. James hat schon im Vorfeld eine Menge recherchiert und wir erfahren von einem Mitarbeiter der Tourismusförderung, dass es die Möglichkeit gibt, sich einmal für die gesamte Dauer der Reise zu registrieren, ebenfalls durch ein Hotel. Also besteht unsere erste Tätigkeit in Buchara darin, in nervigen Wiederholungen Hotels abzuklappern mit der immer gleichen Frage „Könnt ihr uns registrieren und wenn ja, was kostet es?“. Viele sagen, dass das bei ihnen gar nicht gehe und die wenigen, die es tun würden, verlangen pro Person und Tag acht Dollar. Ohne Übernachtung! Das ist nicht das, was wir uns vorstellen und so geht´s nochmals an eine Runde Internetrecherche und in der Tat werden wir fündig. Es gibt eine online Registrierung! Wir klicken uns durch das erfreulicherweise in Englisch verfügbare Formular, tippen Visa-Nummer, Geburtstag, Vornamen und vieles mehr und kommen auf die Seite zur Bezahlung. Gute 20 Dollar pro Person für 18 Tage, das ist erstmal in Ordnung. Doch die Bezahlung am Ende des langen und steinigen Formularweges will und will nicht funktionieren. Wir kommen schließlich darauf, dass man nur mit einer usbekischen Kreditkarte bezahlen kann. Herr im Himmel! Also versuchen wir unser Glück, sprechen Leute an, ob sie nicht für uns bezahlen könnten und kommen uns vor wie schnorrende Punks, obwohl wir den Leuten das Geld ja in bar geben wollen. Keiner hat eine solche Kreditkarte oder schlicht genug Vertrauen, uns auszuhelfen. Diesmal fahren Anouck und Daria zu dem netten jungen Mann von der Tourismusförderung und in der Tat, er kann uns helfen und überweist für uns. Die Strafe bei Nichtregistrierung ist einerseits mit 1000 Dollar pro Person echt teuer, andererseits wissen viele Touristen gar nichts von der Regel und werden auch nie auf Registrierung geprüft. Wir jedoch sind jetzt brav und ordentlich registriert und können nun endlich das tun, weswegen wir hier sind: die 140 historischen Bauwerke von Buchara bewundern.

Die blauen Kuppeln sieht man bereits von fern


Am Abend in der Altstadt


Abendstille im Innenhof

Das Kalon Minarett am Tag …


… und in nächtlicher Beleuchtung

Auch nachts eine Pracht


Chor Minor, das Eingangstor zur Stadt

Das Samaniden Mausoleum aus dem 10. Jahrhundert


Beim Teppichhändler

Unser neuer Teppich!

Die Altstadt von Buchara ist seit 1993 Teil des UNESCO Weltkulturerbes, weil sie als das besterhaltene Beispiel einer mittelalterlichen zentralasiatischen Stadt gilt. Obwohl es hier natürlich touristisch zugeht, kann man mit ein wenig Phantasie wunderbar eintauchen in die alten Geschichten, wenn mittags das Blau der großen Kuppeln in die Weite des Himmels leuchtet, wenn wir mit gemessenem Schritt über die jahrhundertealten Steine der Innenhöfe gehen, wenn wir für ein, zwei Stunden vor den Minaretten von Chor Minor sitzen und die tiefe Stille atmen, wenn die Abendsonne die kunstvollen Mosaike erstrahlen lässt, wenn wir uns vorstellen, wie früher Heerscharen von Schülern hier die heiligen Schriften studierten oder wenn die Sichel des jungen Mondes und der Abendstern über den alten Gemäuern stehen. Viel des Zaubers entfaltet sich auch abseits der Hauptrouten in krummen Gassen und an alten einfachen Hausfassaden. Wir verbringen einige Tage in Buchara und ich erstehe einen wundervollen handgefertigten Teppich aus feinster Kamelwolle. Gesättigt von den Eindrücken brechen wir schließlich auf in Richtung der weiteren sagenumwobenen Stadt der Seidenstraße mit dem klangvollen Namen Samarkand.

Die Fahrt dorthin ist wieder geprägt von endlosen monotonen Weiten, teils durch spärlich bewachsene Wüste, dem natürlichen Zustand des Landes hier, teils wieder durch Baumwollplantagen. Die Eingangstore dieser Großbetriebe sind mit stilisierten Baumwollbüscheln gestaltet und die Mauern, die großen Lagerhallen dahinter sind unverkennbar Erbe der Sowjetunion. Wie bei vielen Problemen ist es aus der Ferne einfach, eine Diagnose, eine Meinung parat zu haben. So zur künstlichen Bewässerung dieser Region: ökologischer Frevel! Aus der Nähe sieht man dann die bessere Versorgung, die Bildung und den allgemeinen höheren Wohlstand hier. Wer wäre in der Lage, dies für die abstrakte ökologische Katastrophe eines verschwundenen Wüstengewässers zu verändern? Wäre ein Zudrehen des Wasserhahns eine sinnvolle Lösung? Langfristig wird es wahrscheinlich irgendwann so kommen. Die Gletscher des Pamir, die den segensreichen Wasserstrom füllen, gehen zurück und dann wird eine Alternative gefragt sein. Optimistisch kann einen stimmen, dass die Einsparpotenziale gigantisch sind. Wir kommen an Obstplantagen vorbei, deren Fläche einfach mit Wasser geflutet wird, die Bewässerung der Baumwollfelder findet oftmals mitten am Tag und mit großen Rasensprengern statt. Auch die Sonne, die jetzt gemäßigt, aber in den Sommermonaten gnadenlos vom Himmel brennt, birgt ein immenses Potenzial: Zentralasien könnte ein wichtiger Lieferant regenerativer Energie der Zukunft werden und die Baumwollwirtschaft ersetzen. So träume ich mich durch die Landschaft.

Abends finden wir neben der Straße perfekte Zeltplätze, kochen gemeinsam Abendessen und freuen uns über die Kochkunst von Anouck und James. Wie es dem Klischee der Franzosen entspricht, führen die beiden eine Vielzahl an Kräutern und Gewürzen mit, haben kreative Ideen für die Outdoorküche und zaubern immer wieder etwas auf ihrem puristischen, holzbefeuerten Kocher. Als legendär bleibt uns der in der Pfanne zubereitete Apfelkuchen in Erinnerung, den es zum Frühstück gibt. Abendessen hingegen gibt es teils recht unverhofft. Wir fahren in der Dämmerung die Straße entlang und von einem großen Gebäude tönt laute Musik zu uns herüber. Wir halten neugierig an, biegen in die Einfahrt und finden eine riesige fröhliche Hochzeitsgesellschaft versammelt. Als uns die Leute bemerken, werden wir kurzerhand hereingebeten und festlich bewirtet, als seien wir alte Freunde der Familie. Wir schmausen und trinken, tanzen und lachen und alle freuen sich, dass sie unerwarteten Besuch von Fremden haben. Eine schöne Begegnung gibt es noch an einem weiteren Abend. Wir kämpfen uns in unangenehmem Staub und Gegenwind die Straße entlang und ein Wohnmobil hält bei uns. Ein Wohnmobil? Ja, richtig, ein Wohnmobil. So etwas haben wir seit Monaten nicht gesehen. Ein Paar steigt aus und spricht uns auf Polnisch an. Sie haben die polnische Fahne auf Darias Trike gesehen, kommen selbst aus Polen und sind neugierig geworden. Wir ratschen nett, berichten über unsere Reise und auch sie erzählen von ihrem Weg im alten Camper. Zu guter letzt zaubern sie noch zwei kühle Zubr Biere aus dem Kühlschrank und machen uns damit glücklich. Wir tauschen Kontaktdaten aus und freuen uns über die spontane heimatliche Begegnung.

Hochzeit und wir sogleich mitten drin


Polen unterwegs …

… und sie haben Bier dabei!


Wir haben Samarkand erreicht!

Die Bebauung entlang der großen Straße wird langsam dichter und schließlich erreichen wir mit gespannter Vorfreude Samarkand. Doch hier muss ich mich erstmal von Vorstellungen lösen, die ich ganz automatisch im Kopf hatte. Vom historischen Zentrum Samarkands gibt es hunderte und tausende von Bildern, in der Abendsonne und in nächtlicher Beleuchtung, in Detailansicht und in Vollperspektive, aber eben nur vom historischen Teil. Unwillkürlich habe ich mir wieder einmal eine ebenso altertümliche Stadt aus Tausendundeiner Nacht vorgestellt, aber natürlich ist hier auch die Zeit nicht stehen geblieben. Samarkand ist eine große, erstaunlich grüne und wohlhabende, aber eben auch sehr moderne Stadt. Wir verbringen hier nun einige Tage mit einer gründlichen Inspektion der Räder, reinigen Gepäck und Zelt und sitzen entspannt im grünen Innenhof unserer privaten Unterkunft.

Entspanntes Verweilen im Innenhof


Der berühmte Registan Samarkands

Mosaik in groß …


… und im Detail.

Die historischen Monumente Bucharas waren schon beeindruckend, doch Samarkand ist eine Klasse für sich. Das architektonische Herzstück Samarkands und letztliche der Seidenstraße ist der Registan, der „Sandige Platz“. Von drei Seiten ist er mit Medressen umrahmt, frühneuzeitlichen islamischen Hochschulen mit grandiosen, mächtigen Fronten. In diesen Hochschulen wurden Rechtswissenschaften, Koranwissenschaften, Arabische Sprache und Naturwissenschaften unterrichtet. Zum Gebäudekomplex gehören Innenhöfe mit Lehrräumen und Studentenzimmern, Moscheen und Minarette. Hier sind es nicht nur die großen Gebäude, sondern vor allem die wundervollen Details, die uns beeindrucken. Das Innere Goldenen Moschee ist über und über von feinsten Ornamenten bedeckt, die ein ebenso zartes wie mächtiges Gemälde aus Gold und Blau entfalten. Der Blick folgt den kühnen Linien der Säulen und Bögen, bleibt hängen an unzähligen Ranken, Blumen und rätselhaften Inschriften und findet schließlich Ruhe in der symmetrischen Unendlichkeit des Deckengewölbes. Die Fassaden sind wie in Buchara reich mit Mosaiken gestaltet und über allem leuchten die Kuppeln in überirdischem Blau. Wir besichtigen neben dem Registan ein Ensemble alter Mausoleen und bekommen bei Sonnenuntergang einen wundervollen Blick über die Altstadt geschenkt.

Die Goldene Moschee

Die Shohizinda Mausoleen






Eine fiebrige Erkältung von Anouck lässt unseren Aufenthalt in Samarkand etwas länger werden als geplant, doch schließlich brechen wir wieder auf, um in den Nachmittag und Abend hinein noch ein Stück weiter zu fahren. In einem Restaurant am Straßenrand sitzen zwei Männer bei Speis und Trank, sichtlich schon angetrunken. Sie winken James und mich lautstark herbei und wir bekommen erstmal einen Schnaps. In usbekischen Männerkreisen gibt man sich nun mit Schnapsgläsern deutscher Größe nicht zufrieden. Der Wodka wird großzügig in Teeschalen ausgeschenkt und die Erwartungshaltung ist natürlich, alles auf einmal zu trinken. Daria und Anouck nehmen am Nebentisch bei den Frauen Platz und es gibt Essen, leider nur für uns Männer, weil bei den Frauen nichts mehr übrig ist. Dann nochmal Wodka, dann nochmal Essen. Dann eine Einladung nach Hause. Sinnvoll! Wir kommen nach ein paar hundert Metern in ein großzügiges Haus einer offensichtlich wohlhabenden Familie, verbringen einen lustigen Abend mit Wasserpfeife, Zauberkünsten und exzentrischen Tanzeinlagen eines der Männer des Hauses.

Lustige Runde …


… mit Wasserpfeife

… und „Tanz“.

Am nächsten Morgen dringt ein außergewöhnlicher Lärm in unsere noch verschlafenen Ohren, ein tiefes, gleichmäßiges Dröhnen, das beinahe das Haus erzittern lässt, unterbrochen von hellen, metallischen Schlägen. Ich schaue etwas verwundert nach draußen und traue meinen Augen kaum. Im Innenhof, der nachts im Dunkeln lag, läuft Flammen schlagend und Respekt gebietend ein großer benzinbetriebener Ofen! Einer der Männer des gestrigen Abends ist dabei, die Temperatur zu regeln und den Betrieb zu überwachen, zwei weitere zerschlagen mit großen Hämmern Eisenteile und ein vierter drückt mit Feingefühl große Formen von Gullideckeln in eine vollkommen glatte Fläche von Sand. Die Familie betreibt im Hinterhof ihres Wohnhauses eine Gießerei! Neugierig, doch mit dem nötigen Abstand vor der unglaublichen Hitze des Ofens schauen wir uns alles an und sind beeindruckt, mit welch einfachen Mitteln sich ein solches Geschäft aufbauen lässt.

Der Gießereimeister bei der Arbeit


Feinarbeit

Das Rohmaterial

Wir brechen auf und es bleiben uns noch wenige Kilometer zu unserem nächsten Ziel. Wieder kommen wir an einer Hochzeit vorbei und werden eingeladen, diesmal heiraten zwei Brüder zugleich. Als wir wieder herauskommen, geht es auf den Abend zu. In der diesigen Luft, mit der abendlichen Wärme auf der Haut und der glatten, ebenen Straße unter den Rädern mag ich es kaum glauben, dass es sehr bald sehr steil bergauf gehen wird. Das nächste Land hat Berge, die gleich hinter der Grenze beginnen und gegen die unsere Berge wie die Hügel des Schwarzwaldes im Vergleich zu den Schweizer Alpen wirken. Mit gespannter Erwartung, ein wenig Freude und ein wenig Furcht fahren wir in der Abendsonne auf die Grenzposten zu. Ein paar Einheimische stehen an der Passkontrolle Schlange, doch sie bestehen darauf, uns als Touristen den Vortritt zu lassen. Der freundliche Beamte fragt uns mit besorgtem Blick, ob wir hier wirklich mit dem Fahrrad fahren, die Anstrengung und die dünne Luft auf uns nehmen wollen. Wir bestätigen es ihm mit einem Lächeln und dann heißt es „Welcome to Tajikistan!“

Doppelhochzeit


Пожалуйста, танцевать!

Auf nach Tadschikistan!