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019 – Glühende Straßen

Unser Zeltplatz liegt mit grandiosem Blick in einer der zahlreichen Serpentinen der Bergstraße. Da hier so etwa drei Autos pro Tag fahren, ist es auch morgens ruhig und beschaulich. Wir packen zusammen und es geht los ins Tal.

Zeltplatz in der Kurve


Einsame Straßen Richtung Iran

Herrlich bergab!


Hinab in´s Tal!

Die Hänge stürzen wild in die Tiefe, weit unten windet sich der Fluss im engen Bett und wir haben den Blick in den Bergen, die Nase im Wind und nur das Schnurren der Räder und die Grillen im Ohr. Nach ein paar Kurven kommen wir bei einem umgebauten Bauwagen vorbei. Dort lebt ein Imker mit seiner Frau und drei Enkelkindern ein offensichtlich fröhlich sorgloses Leben direkt an der Bergstraße. Mit Blech, Brettern und Erfindergeist hat er ein Wohnzimmer an den Wagen angebaut, mit bunten Farben die Wände gestaltet und schmiedet schon Pläne, an der Wasserquelle einen Pool für die Kinder zu bauen. Wir bleiben kurz, werden wieder mal nett verköstigt und quatschen auf russisch, schieben die Kinder in den Trikes auf und ab und brechen schließlich auf nach unten.

Hier wohnt der Bergimker


Beim Imker daheim

Mal Trike fahren

Wie zu erwarten war, wird es wärmer und wärmer bis wir schließlich die Talsohle erreichen. Die Berge sind goldbraun und trocken, das Flusstal grün und üppig. Die alles bestimmende Frucht ist hier der Granatapfel. Die Bäume spenden mit ihrem dichten Laub wohltuenden Schatten, es sind erste kleine Früchte zu sehen und wir finden es sehr schade, nicht zur herbstlichen Erntezeit hier zu sein.

Erste Granatäpfel

Der weitere Weg führt einige Kilometer flussaufwärts, direkt an der stark gesicherten iranischen Grenze entlang. Wir kommen an russischen Militärposten vorbei und müssen unter dem strengen sowjetischen Blick ein soeben aufgenommenes Bild der Berge auf iranischer Seite wieder vom Fotoapparat löschen. Zum Glück prüfen sie Darias Handy und die Videokamera nicht, mit der ich kurz zuvor den Grenzzaun gefilmt habe, der uns stetig begleitet.

Entlang der Grenze


Blick nach drüben

Unser Ziel ist Agarak, ein kleiner, heißer und rauhbeiniger Grenzort, der etwas vom Wilden Westen hat. Wir beziehen eine kleine Unterkunft und verbringen zwei Tage mit Geld abheben, Reparaturen und Tagebuch schreiben. Nett ist die Begegnung mit einer Deutschlehrerin, die uns beim Übersetzen der Konversation mit dem Mechaniker hilft und uns mit Kuchen, kaltem Wasser und Tee versorgt. Tagsüber steht die Hitze im Tal, abends wird es ein klein wenig kühler und wir sind froh über den lebhaften Ostwind, der über die Terrasse wildert und uns etwas ungestüme, aber doch willkommene Kühlung bringt.

Unser Heim in Agarak…


… mit Bananen und Kiwis.

Gemeinsames Reparieren


Der Außenspiegel bekommt eine Verlängerung

Dann geht es früh morgens los. Der Grenzübergang ist nur ein paar Minuten entfernt und doch fühlt es sich nach einem großen Schritt an, die Grenze in den Iran zu überqueren. Die armenischen Grenzer lassen uns mit einer Mischung aus Arroganz und Dummheit erst alle Taschen für den Röntgenapparat abmontieren, sagen uns dann, wir sollten die Trikes durch den Fußgängerdurchgang bringen und wundern sich trotz meiner vorangegangenen deutlichen Warnung dann, dass diese nicht durchpassen. Also nochmals zurück, von den beiden Durchgangstüren jeweils beide Türflügel entriegeln, am Röntenapparat wieder vorbei und dann eben doch dort entlang, wo die Autos und die Laster fahren. Herr im Himmel! Entsprechend emotional vorgespannt fahren wir dann über die Brücke, felsenfest davon überzeugt, dass es jetzt auf der iranischen Seite noch viel schlimmer wird. Doch das Gegenteil ist der Fall: ruhig und zurückhaltend werden unsere Pässe inspiziert, fehlende Angaben in den Visa ergänzt und dann heißt es nach wenigen Minuten mit freundlichem Lächeln „Welcome to Iran!“

Die Wechselkurse der Schwarzhändler überzeugen uns nicht und so radeln wir in flirrender Luft gleich weiter, zurück in die Richtung aus der wir nach Agarak gekommen waren, nur eben diesmal auf iranischer Seite. Von Armenien trennen uns ein Stacheldrahtzaun und wenige hundert Meter und doch merken wir sofort, dass sich etwas ganz grundsätzlich geändert hat. Alle Frauen tragen lange Gewänder und Kopftücher, die Läden am Straßenrand sind nur noch in arabischen Buchstaben beschriftet und in jedem kleinen Ort gibt es eine Moschee.

Die Fahrt geht gut voran, wir machen kurz halt und stellen uns der Herausforderung, in einem kleinen Laden ohne Sprachkenntnisse mit Dollar Getränke zu bezahlen. Nun ist es nicht so einfach mit dem Geld im Iran. Wir können kein Geld abheben, weil der Iran nicht an das internationale Bankensystem angeschlossen ist. Das heißt, Bargeld mitnehmen und sicher verstecken. Der offizielle Kurs ist liegt bei 42000 Rial pro Dollar, der inoffizielle bei 80000. Dieser inoffizielle Kurs ändert sich quasi täglich, die Webseiten zum Nachlesen sind aber blockiert. Preise werden im Iran in Toman angegeben, wobei ein Toman zehn Rial entspricht. Geldscheine sind immer Rial. Das wird mir jetzt alles zu anstrengend! Wir zahlen in dem Laden mit einem 5-Dollar Schein, bekommen gefühlt ausreichend Restgeld und trinken auf einem überdachten, mit Teppich ausgelegten Podest kühles alkoholfreies Radler. Es ist einfach höllisch heiß.

Erste Pause im Iran

Die Straße führt immer weiter entlang von Grenze und Fluss, wir kommen durch kleine verwilderte Dörfer, durch grüne Obsthaine und an Feldern vorbei und sind froh, dass die Sonne sich irgendwann neigt und wir auf ein wenig Kühle hoffen können. Nach ein, zwei Versuchen finden wir einen wundervollen Zeltplatz, gerade so weit von der Straße weg, dass uns keiner sieht. Der Fluss fließt kraftvoll vor den majestätischen Bergen, unser Zelt steht auf trockenem, ebenen Grund nur ein paar Meter vom Wasser entfernt und wir kochen gemütlich noch etwas zum Abendessen. Auch jetzt in dunkler Nacht ist es noch sehr warm und zur Abkühlung gibt es ein Bad im Fluss. Tropfnass im leichten Wind stehend lässt es sich gut aushalten und ich bin beinahe dankbar, etwas zu frösteln. Im Zelt jedoch rührt sich kein Lüftchen und der von der Hitze des Tages aufgewärmte Boden wirkt wie eine Fußbodenheizung. Ich liege in der Unterhose auf dem Rücken, benetze Stirn, Hals und Oberkörper immer wieder mit Wasser und wir lassen trotz der vereinzelten Mücken das Moskitonetz ein wenig offen in der Hoffung darauf, dass der Wind doch kurz gnädig bei uns hereinschaut.

Schöner Abend, aber immer noch heiß


Prachtvoller Zeltplatz direkt am Fluss

Morgens geht es weiter durch die glühende Hitze am Fluss Araz entlang, in Summe bergab, aber immer wieder durch Steigungen unterbrochen, die uns jedes Mal richtig Kraft kosten. Doch wann immer wir das Gefühl haben, es ginge nicht mehr, erreicht uns freundliche Hilfe von Menschen, die uns eine Flasche gefrorenes Wasser aus dem Auto herausreichen, einen Gartenschlauch geben, mit dem wir uns komplett nass machen und beim Fahren ein wenig Wind, der dann etwas kühlt. Der Rest ist funktioniert dann durch schlichte Akzeptanz und einen stoischen Gleichmut, in dem wir die Beine laufen und die Gedanken ruhen lassen. Wir decken ins in einem kleinen Ort im roten Licht der Abendsonne mit Getränken, Gemüse und Käse ein und biegen nach rechts ab, weg vom Grenzfluss zu Aserbaidschan, hinein in eine Schlucht zwischen hohen Bergen, beschwingt von der Freude, endlich richtig in den Iran hineinzukommen.

Hier wohnen Verwandte!


Wieder in die Berge hinein

Der nächste Tag empfängt uns mit klarem Licht, etwas erträglicheren Temperaturen und wunderschöner Landschaft. Graue, steil aufragende Felsen liegen in der Morgensonne wie die Zinnen einer düsteren Burg, von der sich eben erst ein jahrhundertealter Bann gelöst hat. Am Grund des Tales leuchtet das Grün und auch an den Berghängen reicht das wenige Wasser für etwas Bewuchs. Wir folgen der ruhigen Straße stetig, aber angenehm bergauf und kommen in ein weites Tal mit üppig bewachsenen Feldern. Auf der Karte ist eine Trinkwasserquelle eingezeichnet, doch wir können sie nicht finden. Wir fragen einen Bauern, der uns ohne nur einen Wimpernschlag zu zögern seine mit Eis gefüllte Wasserflasche überreicht. Als er loslaufen will, um in seinem Haus weiteres Wasser zu holen, bremse ich ihn, weil mir seine selbstlose Hilfe fast schon unangenehm ist. Direkt neben dem Feld fließt der Fluss und ein Teil des klaren Wassers wir in Bewässerungskanäle abgezweigt. Wir zögern nicht lang und es geht rein in´s Nass, natürlich wieder in voller Montur. Wir sitzen im Kanal, die Sonne lacht und das Wasser kühlt uns Kopf und Glieder, ein kleines Paradies. Eine Familie ist ebenfalls an den Fluss zum Picknick gekommen und wir unterhalten uns in gepflegtem Englisch mit dem Sohn. Es scheint eine große Distanz zwischen dem Denken der Menschen und der offiziellen Regierungslinie zu geben. Wieder bekommen wir Obst geschenkt und die Zusicherung von sofortiger Hilfe, wann immer wir etwas bräuchten.

Felsen dominieren die Landschaft


Grün ist nur das Tal

Heuernte


Dusche im Kanal

Jede Abkühlung ist willkommen

Unser heutiges Ziel ist die Kleinstadt Kalibar auf gut 1200 Metern Höhe. Auf dem Weg kommt uns ein Auto entgegen, dreht hinter uns um und fährt dann direkt vor uns an den Straßenrand. Eine Familie, bestehend aus Mann, Frau und zwei Töchtern steigt aus und sie winken uns herbei. Das Auto ist geschickt geparkt, sodass sich in seinem Schatten Platz für eine große Decke und uns 6 Personen findet. Wir ziehen die Schuhe aus, nehmen Platz und werden mal wieder verköstigt mit süß-saftiger Melone, Brot, Käse, Tomaten und Kartoffelpuffern. Zu guter letzt geben sie uns den Namen des Restaurants, das sie in Kalibar betreiben. Wir sollten – so verstehen wir es – dort hinkommen und wir könnten dann bei ihnen übernachten. Die restlichen Kilometer geht es dann nochmals ordentlich bergauf und wir kommen in der Abenddämmerung in der Stadt an. Beim Restaurant parken wir die Trikes in einer Werkstatt nebenan und fahren mit unserem neuen Gastgeber nach Hause.

Brotzeit im Schatten des Autos

Neugierig treten wir über die Türschwelle, stellen unser Gepäck in den Flur und werfen einen ersten Blick in ein traditionelles iranisches Haus. Das Wohnzimmer ist riesig und die einzigen Möbel sind eine Vitrine mit Geschirr und ein Fernseher. Ansonsten ist der Raum mit Teppichen ausgelegt, an der Wand liegen Kissen und das gesamte Leben findet auf dem Boden statt, sei es Abendessen, gemeinsames Fernsehen oder Tee trinken. Wir essen mit der Familie zu Abend, ich zeige den Kindern ein paar Dinge auf der Ukulele und ehe wir uns versehen ist es ein Uhr Nacht, als wir uns müde und zufrieden im Flur auf die Matratzen legen.

Ein iranisches Wohnzimmer


Beim Abendessen

Unterricht im Ukulele spielen


Gute Nacht!