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017 – In das Land der Aprikosen

Die Visa für den Iran bekommen wir ohne größere Probleme, aber es dauert fünf Tage, statt der erhofften zwei. Mit der druckfrischen Einreisegenehmigung im Pass treten wir die Rückfahrt ins Hochland an, packen unsere Trikes und los geht´s, obwohl es schon auf den Abend zugeht. Wir finden etwas abseits der Straße einen wunderbaren Zeltplatz, haben alles schön aufgebaut und sind gerade am Zähneputzen, als ein Auto direkt an unser Zelt herangefahren kommt. Ein Bauer weist uns etwas unwirsch darauf hin, dass wir gerade sein Gras plattliegen. Nach ein wenig Diskussion und Aufbau gegenseitigen Verständnisses wünscht er uns aber doch eine ruhige Nacht und fährt wieder. Der nächste Tag begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein und wir packen rasch unsere Sachen, obwohl sie noch feucht vom Tau der Nacht sind.

Traumplatz


Grasland


Auf dem Weg nach Armenien

Grüne Erde, weiter Himmel

Die Strecke ist herrlich mit weitem Blick, blühenden Bergwiesen und ruhiger Straße direkt Richtung Süden. Kurz vor der armenischen Grenze kommen wir durch kleine ärmliche Dörfer. Vor einem Haus spielen Kinder und die Erwachsenen sitzen gemütlich unter dem Vordach. Wie immer gibt es die Abfolge 1) erstaunt schauen 2) lachen und grüßen 3) herbeiwinken. Diesmal kommt 4) hereinbitten zum Kaffee hinzu. Wir fahren über die Straße und begrüßen jeder einzelnen der großen Familie.

Nur kurz zum Kaffee…


Schnick, schnack, schnuck!

Die Familie lebt in einfachen, aber nicht komplett armen Verhältnissen und wir trinken unter dem Vordach Kaffee, albern mit den Kindern herum und schauen zu, wie beinahe die ganze Familie beim Vorbereiten des Mittagessens ist. Die Frauen haben Unmengen an Nudelteig vorbereitet, in einer großen Schüssel wartet eine Masse aus Fleisch, Zwiebeln und Gewürzen und ein Mann dreht fingerfertig aus runden Teigstücken Chinkalis, eine Art großer Ravioli. Es ist ein entspanntes, fröhliches Beisammensein und wir werden natürlich zum Essen eingeladen. Daria bekommt eine kurze Einweisung in der Zubereitung und hilft dann fleißig mit. In einem kleinen Haus neben dem Wohnhaus gibt es einen einfacher Holzofen, dessen knisternde Flammen einen riesigen Kessel Wasser langsam erwärmen. Ich lasse mir den Stall zeigen, die Weiden hinter dem Haus und die Fläche, auf der sie den Kuhdung trocknen, der dann wieder als Brennstoff dient.

Ich mach auch mit!


Essen für die ganze Familie – und für uns!

Auf Wiedersehen!

Das Essen ist lecker, die Kommunikation funktioniert gut und so vergehen ehe wir uns versehen zwei, drei Stunden, bis wir schließlich zur Grenze aufbrechen. Dort kommen  wir in wenigen Sekunden durch die Passkontrolle, müssen dann aber noch alle Taschen durch den Scanner ziehen. Nervig, aber es regnet gerade Hunde und Katzen und so ist es halt Beschäftigung beim Warten. Hinter der Grenze geht es weiter durch die baumlose endlos weite Hochebene, mal sanfte Hügel hinauf, mal durch tiefer liegende Moore, mal durch endlose Blumenmeere. Insgesamt kommen wir nicht allzu weit an diesem Tag und finden aber einen echt schönen Platz auf einer blühenden Wiese und kochen noch was zum Abendessen. Das Wetter ist wie schon in den letzten Tagen feucht und durchwachsen. Vormittags mit heiteren Wolken, nachmittags ziehen immer wieder Gewitter übers Land. Schon vorgewarnt durch die Fahrt nach Ninotsminda halten wir spätestens ab Mittag Ausschau nach allem, was nach aufkommendem Unwetter aussehen könnte.

Auch für die Polizei sind wir Attraktion!


An der Grenze wird´s nass!


Blick in´s Grün am Morgen

Morgens ist es heiter, später zieht es zu.

Irgendwann sieht es in der Tat nicht mehr so freundlich aus, ein kalter Wind frischt auf und die grauen Wolken beginnen sich bedrohlich zu türmen. Wir entscheiden uns, die nächste Anhöhe nicht mehr vollständig zu erklimmen und machen uns am Hang regensicher. Im Tal unter uns sieht man schon dichte Regenschleier, die Blitze und der Donner kommen langsam näher. Für uns als kleine Wesen an einem Hang zwischen den Bergen ist es schwierig einzuschätzen, wohin das Gewitter ziehen wird. Es beginnt zu regnen, der Wind frischt abermals auf und wir sehen, dass es uns diesmal nicht verschonen wird. Graue Wolkenfetzen jagen über die Hänge und Höhen, der Regen nimmt in Schüben zu und so langsam wird es uns in den Trikes unheimlich auf offener Straße. Wir lassen sie im Regen stehen, gehen ein paar Schritte tiefer in den Hang und kauern uns in einer Mulde nah am Boden, die Füße beinander, den Kopf geschützt und mit einer stoischen Geduld Wind und Nässe trotzend.

Keine Chance mehr zur Flucht

Doch das reicht nicht. Ein geradezu biblisches Inferno bricht über uns herein, der Regen kommt quer peitschend, wandelt sich teuflisch in stechenden Graupel und nach und nach in Hagel, erst wie Erbsen, dann wie Kirschen und schließlich wie Tischtennisbälle, die uns in erbarmungslosem Dauerfeuer unter Beschuss nehmen. Die Blitze zucken direkt neben uns durch die Wolken, der Donner dröhnt in den Ohren und jeder Einschlag auf Rücken, Arme, Hände, Kopf hinterlässt eine surrende Spur des Schmerzes. Daria rennt mit dem Mut der Verzweiflung zum Trike, zerrt eine unserer Matten heraus und wir drücken uns in einen Rosenbusch am Hang, versuchen irgendwie unsere Köpfe zu schützen, zitternd vor Kälte, die nackte Angst im Nacken. Die Dornen sind uns egal, die Kälte ist uns egal und selbst der Schmerz durch den Hagel ist nicht das Schlimmste. Wir haben nur noch den Wunsch, hier lebend wieder herauszukommen.

Die Hölle bricht über uns herein

Irgendwann, gefühlt nach Stunden, verliert der Sturm an Kraft, das Eis wird wieder zu Regen, langsam heben wir den Blick auf die komplett weiße Landschaft und gehen mit weichen Knien zurück auf die Straße. Autos stehen verstört blinkend am Straßenrand, einige wenige durchpflügen im Schritttempo die weißen Massen an Hagelkörnern und bereits der zweite Autofahrer hält kurzentschlossen an, als er uns zwei völlig durchnässte Gestalten sieht: „Kommt rein!“ Dankbar wie selten zuvor setzen wir uns ins Auto, der Fahrer stellt die Heizung auf höchste Stufe und bietet uns als ersten Trost süßen Kuchen an, den wir mit klammen Finger, aber schon wärmerem Herzen essen. Langsam kehrt das Leben in unsere Glieder zurück und noch immer fassungslos wischen wir über die beschlagenen Scheiben für einen Blick nach draußen in eine Welt, die wir bislang nicht für möglich gehalten hätten.

Erster Blick danach


Wieder auf der Straße

Auch die Trikes haben überlebt

Schließlich halten unsere Retter einen alten Lastwagen sowjetischer Bauart an, der unsere Trikes auf die andere Bergseite bringt, wo es ein kleines Dorf gibt. Entschlossen marschieren wir auf das erste Haus zu und fragen, ob wir unsere Sachen trocknen können. Die Leute sind rührend nett, wir bekommen Kaffee und Essen, sprechen im Rahmen der Möglichkeiten über Gott und die Welt und mit neuem Mut fahren wir weiter in Richtung Süden. Wir erreichen die Stadt Gyumri, quartieren uns richtig nett ein und lassen die Seele wieder zu Kräften kommen. Das erste armenische Wort, das wir kennen ist Kargut = Hagel.

Nach dem Inferno


Dankbar wärmen wir uns auf

Auf dem weiteren Weg Richtung Yerewan ändert sich Schritt für Schritt die Landschaft. In der nordisch anmutenden Hochebene gab es Wasser in Hülle und Fülle, doch je weiter südlich wir kommen, desto trockener und mediterraner wird die Vegetation. Es duftet nach Kräutern und trockenem Gras, die Berghänge sind unter der Sonne bereits braungold gefärbt und über der Straße flimmert die Luft. Es geht herrlich bergab und wir kommen an Obstständen vorbei, an denen jetzt beinahe nur eine Farbe dominiert: leuchtendes Orange. Dieses Orange kommt auch in der dreifarbigen Flagge Armeniens vor und wird in der Verfassung folgendermaßen beschrieben: „Das Rot symbolisiert das armenische Hochland, den andauernden Kampf der armenischen Bevölkerung um das Überleben, die Erhaltung des christlichen Glaubens, Armeniens Unabhängigkeit und Freiheit. Das Blau symbolisiert den Willen des armenischen Volkes unter einem friedlichen Himmel zu leben. Das Orange symbolisiert das kreative Talent und die hart arbeitende Natur der armenischen Bevölkerung.“ Fragt man die Menschen, steht das Orange jedoch für die Frucht, für die das Land berühmt ist, die Aprikose. Aprikosen waren bisher für mich Früchte, die man in einer Plastikschale mit 500 Gramm Inhalt im Supermarkt kaufen kann. Das hat mit armenischen Aprikosen ungefähr so viel zu tun wie Dosenravioli mit Edelitaliener. Die Größe der Früchte, die perfekte Reife, der süße Saft und das intensive Aroma sind einfach zum Niederknien. Wir sind anscheinend genau zur richtigen Zeit unterwegs und bekommen von lauter netten, fröhlichen Menschen immer wieder Aprikosen geschenkt, fast mehr als wir essen können. Es ist ein Fest.

Die Landschaft wird trocken und mediterran


Aprikosenbäume, wohin man auch blickt

Aprikosen!


Frühstück mit Schaschlik und Salat

Yerewan erreichen wir am späten Abend. Wir haben eine nette Unterkunft gesucht, die wir nach einigem Gezirkel durch die nächtliche Stadt dann auch finden. Yerewan wirkt im Vergleich mit Tbilisi wohlhabender, großstädtischer und sauberer. Unsere Gastgeber Rafael und Tatev kümmern sich rührend um unser Wohlbefinden, kommen uns bei allen nur erdenklichen Dingen zur Hilfe und wir verbringen eine wirklich schöne Zeit mit Baden im Pool, sich Treiben lassen in der Stadt und einem Besuch der Museums für moderne Kunst. Sehr sehenswert, wenn auch bedrückend ist das Genozid-Museum, das den Völkermord an den Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts erklärt. Vieles, was in der Vorzeit, während des Genozids und im Nachgang geschehen ist, lässt Parallelen zum Holocaust aufkommen. Die Präsentation der Ereignisse ist didaktisch hervorragend aufbereitet und alles macht einen wissenschaftlich fundierten Eindruck (http://www.genocide-museum.am/eng/index.php).

Bei Rafael, Tatev und Alex


Kühles Bad im heißen Yerevan

Buntes Windspiel


Lichter der Nacht

Moderne Glaskunst mit langer Tradition


Sinnender Blick auf die Stadt

Üppig!


Gleich bewegt sie sich?!

Als wir schon aufbrechen wollen, schau ich mir mein Trike genauer an und sehe mit Erschrecken, dass der Gepäckträger an zwei Stellen gebrochen ist. Also wieder alles raus, die Airbnb Buchung verlängern und dank Rafaels Hilfe zu einem der sprichwörtlich genialen armenischen Handwerker geradelt. Der schweißt die Alurohre fachmännisch mit 700 Grad und danach hält alles bombenfest. Am nächsten Tag brechen wir auf, weiter nach Süden in Richtung des Berges Ararat, dem Sehnsuchtsort der Armenier.

Armenische Handwerkskunst


Auf geht´s Richtung Süden!

Der Ararat ist die Sehnsucht der Armenier